POSTKARTEN: UNSPLASH; PHYSIKER: CC-BY; COMP.: A. HEINZELMANN

Einige berühmte Physiker waren in Heidelberg...

Spitzenleistungen sind in Zeiten erbracht worden, in welchen die Universität Potential zu nutzen und zu erweitern verstand, das die äußere Wissenschaftslandschaft bot. Kluge, kundige Berufungspolitik führte ebenso talentierte wie engagierte Physiker und Astronomen nach Heidelberg, die, in europäischen Wissenschaftszentren exzellent ausgebildet, an der hiesigen Universität ein gediegenes Forschungsumfeld, eine kollegiale, wenn auch elitäre Arbeitsatmosphäre und ausreichend akademische Freiheit vorfanden, um sich entfalten zu können. Liest man persönliche Schriftstücke großer Heidelberger Naturwissenschaftler, etwa die von Gustav Kirchhoff, Hermann von Helmholtz, Robert Bunsen, Johannes Jensen, Otto Haxel, um nur einige zu nennen, so fällt auf, daß alle von ihnen von einer Heidelberger Wissenschaftler - Gemeinschaft erzählen, die vor allem eines verband - die Begeisterung, wissenschaftliche Probleme Kollegen eigener und anderer Fachgebiete vorzutragen und sie in fruchtbarer Wechselwirkung lösen zu wollen.

Der Schlüssel zum Erfolg?

Lag der Schlüssel zum Erfolg also im Wir - Gefühl? Die Geschichte der Physik läßt sich an der Heidelberger Universität bis ins 14. Jahrhundert zurückverfolgen. Physik war Bestandteil des Lehrkanons der sogenannten Artistenfakultät, an welcher sich Studierende auf das Hauptstudium in Theologie, Jurisprudenz oder Medizin vorbereiteten, somit also Grundlagenwissenschaft ohne selbständiges Berufsbild. Zum Lehrinhalt der Physik gehörten insbesondere die Schriften des Aristoteles, die im 13. Jahrhundert von Albertus Magnus im Kontext des christlichen Weltbildes rezipiert wurden. Gegenstand der aristotelischen Physik war die Lehre von den Grundprinzipien irdischer Bewegung; sie galten für qualitative und quantitative Zustandsänderungen in der Natur gleichermaßen.
 

Die erste Physikvorlesung war im Jahre 1387

Die erste Physikvorlesung (nach Aristotelischem Vorbild) in Heidelberg hielt im Jahre 1387 Heilmannus Wunnenberg, der zweite Rektor der Heidelberger Universität. Im Jahre 1531 begannen innerhalb der Artistenfakultät Diskussionen um die Kontinuität der Physiklehre, welche durch die Einrichtung eines separaten Physiklehrstuhles gesichert werden sollte. Gefördert durch eine Universitätsreform, an welcher auch Philipp Melanchthon beteiligt war, konnte im Jahre 1556 ein Physikordinariat festgeschrieben werden. Eine gewaltsame Unterbrechung der Physiklehre im besonderen und des Universitätslebens im allgemeinen erzwang der dreißigjährige Krieg.

Die Neugründung im Jahre 1662

Nach Neugründung der Universität im Jahre 1662 wurde Inhaber des Lehrstuhles für Physik Johannes Leuneschloss. Leuneschloss, geprägt durch neueste Kenntnisse in der Baukunst, die er sich während seiner Reisen durch Holland und England erwarb, gelang die Loslösung von der aristotelischen, spekulativ ausgerichteten Physik, welche jedoch nach Übernahme der Universität durch die Jesuiten im Jahr 1697 wieder als offizielle Lehrmeinung in das Physikprogramm aufgenommen wurde.

Etablierung der experimentellen Physik

Jedoch etablierte sich die experimentelle Physik nach und nach auch an den Jesuitenuniversitäten, in Heidelberg unter der Herrschaft von Karl Theodor. Sichtbares Zeichen dafür war die Einrichtung eines Lehrstuhles für experimentelle und mathematische Physik, welcher 1752 mit dem Jesuiten Christian Mayer besetzt wurde. Mayer hatte dieses Lehramt bis 1774 aktiv inne und wandte sich in der Forschung insbesondere der Astronomie und Kartographie zu. Für seine Untersuchungen der Eigenbewegungen der Doppelsterne wählten ihn Wissenschaftliche Gesellschaften zu London, Philadelphia, Bologna, Mannheim und Göttingen zu ihrem Mitglied. Wissenschaftliche Reputation und seine Stellung als Hofastronom bei Karl Theodor reichten jedoch nicht aus um zu verhindern, daß ab 1784 experimentelle und mathematische Physik auf Betreiben der Philosophischen Fakultät der Universität Heidelberg als getrennte Lehrfächer behandelt wurden. Mathematisierte Teilgebiete der Physik wie Statik, Optik und Hydraulik, wurden danach zu Teilgebieten der Mathematik erklärt, die Physik selbst auf die Naturbeschreibung reduziert. Was jedoch das Ansehen der Physik in der Öffentlichkeit an der Schwelle vom 18. zum 19. Jahrhundert zunächst nicht minderte.

Spätere Zeiten

Die nach den Jesuitenprofessoren C. Mayer, J. Schwab und J. Schmitt berufenen Inhaber des Physik-Lehrstuhles, Karl Wilhelm Gottlob Kastner und Jakob Friedrich Fries, vermittelten in ihren Physik-Vorlesungen dann auch schwerpunktmäßig chemische, mineralogische, metereologische und naturphilosophische Kenntnisse und folgten damit einen Trend, der insbesondere die Universitäten im Zeitalter der Romantik prägten. Kastner und Fries verfaßten beide Lehrbücher der Naturlehre, in welchen das Wissen ihrer Zeit in Kompendiumform zusammengefaßt ist. Mit der 1817 erfolgten Abtrennung des Lehrstuhles für Chemie vom Lehrstuhl für Physik sind Zeichen der Umorientierung gesetzt. Die Stofffülle, die mittlerweile unter dem Oberbegriff Physik - Wissenschaft von der gesamten Natur - angehäuft worden war, ließ sich unter dem Dach einer Wissenschaft schon längst nicht mehr systematisieren. Der methodischen und inhaltlichen Auffächerung der Naturwissenschaft in ihre Teilgebiete Physik, Chemie, Biologie, Mineralogie etc. spiegelte sich nun vehement in der Einrichtung von spezialisierten Lehrstühlen und Vorlesungsprogrammen wieder.

Neue Akzente

Neue Akzente setzte in Heidelberg Phillipp von Jolly. Jolly, Sohn eines Industriellen, war während seines Physikstudiums im Berliner Laboratorium von Gustav Magnus und auch während seiner Lehrzeit in mechanischen- und Glasbläserwerkstätten von einer experimentellen Richtung in der Physik inspiriert worden, die er in Heidelberg vermißte. Er nutzte im Jahre 1846 die Verhandlungen in Vorfeld seiner Berufung zum Heidelberger Ordinarius für Physik auch, um im Badischen Kultusministerium zu klagen, daß es der Heidelberger Physik sowohl an einem Laboratorium als auch an wissenschaftlichen Instrumenten mangelte. Jolly initierte so den Neubau eines Hauses für Naturwissenschaften (Friedrichsbau), außerdem konnte er, teils privat, teils vom Ministerium finanziert, in Heidelberg erstmalig ein Physikpraktikum einrichten. Im Jahre 1854 wurde als Nachfolger Jollys ein Genie, Gustav Robert Kirchhoff, berufen. Kirchhoff war, als Student Franz Neumanns in Königsberg, exzellent in mathematischer Physik geschult, hatte aber auch bei Gustav Magnus in Berlin Erfahrungen in Experimentalphysik erworben. Mit der Lösung einer Preisausgabe zur elektrischen Leitfähigkeit einer Scheibe wies er sich als kreativer Physiker aus; die Schrift enthält u.a. die heute unter den Namen Kirchhoffsche Regeln bekannten Gesetze der Stromverzweigung.

Heidelberg bot Kirchhoff günstige Arbeitsbedingungen (eine an Naturwissenschaft interessierte Verwaltung im Ministerium und an der Universität sowie das höchste Gehalt unter den Naturwissenschaftlern!) - und ebenso inspirierende wie loyale Wissenschaftlerfreunde, Konstellationen, die 20 Jahre produktives Dasein fördern sollten.
In Heidelberg entdeckte Kirchhoff 1859 gemeinsam mit Robert Bunsen die Spektralanalyse, die später den Schlüssel zum Atombau lieferte, hier fand er die Unabhängigkeit von Emissions- und Absorptionsvermögen eines Stoffes von den Stoffeigenschaften, hier definierte er erstmals den ideal schwarzen Körper, hier fand er, daß sich elektrische Wellen in einem Draht mit Lichtgeschwindigkeit fortsetzen, hier analysierte er das Sonnenspektrum...