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HEIDELBERGER PHYSIKER
THEOPHILUS MADERUS PROFESSOR PHYSICES 1593 - 1604
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JOHANNES LEUNESCHLOS PHYSICES ET MATHESEOS PROFESSOR 1650 - 1700
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WILHELM BERNHARD NEBEL PHYSICES ET MATHESEOS PROFESSOR 1728 - 1748
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PROFESSOR PHYSICAL EXPERIMENTALIS ET MATHESIS 1752 - 1774
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PROFESSOR DER PHYSIK 1812 - 1816
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GEORG WILHELM MUNCKE PROFESSOR DER PHYSIK 1817 - 1846
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PROFESSOR DER PHYSIK 1846 - 1854
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PROFESSOR DER PHYSIK 1854 - 1875
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PROFESSOR DER PHYSIK 1875 - 1907
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PROFESSOR DER PHYSIK 1932 - 1934 und 1945 - 1953 NOBELPREIS 1954
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PROFESSOR DER THEORETISCHEN PHYSIK 1949 - 1973 NOBELPREIS 1963
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PROFESSOR DER PHYSIK 1950 - 1974
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PROFESSOR DER PHYSIK 1952 - 1963
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Zur Geschichte der Fakultät für Physik und Astronomie

Wer in den historischen Dokumenten der Universität Heidelberg kramt und nach Besonderheiten der Heidelberger Physikgeschichte sucht, wird rasch fündig: Vergleichbar mit dem Verlauf einer Sinuskurve folgt wechselnd einer Phase von Provinzialität eine Phase, in welcher weltweit bedeutsame Spitzenleistungen in physikalischer und astronomischer Forschung und Lehre erbracht wurden. Bedingungen des Erfolges waren und sind Elemente einer Wissenschaftskultur, denen sich Heidelberger Akademiker auch heute noch verpflichtet fühlen und die sie liebevoll mit dem Begriff des Heidelberger Spirits umschreiben: das Streben nach Konsens und einvernehmlichen Entscheidungen sowie der bewußte Blick über Fachgrenzen hinaus.
Spitzenleistungen sind in Zeiten erbracht worden, in welchen die Universität Potential zu nutzen und zu erweitern verstand, das die äußere Wissenschaftslandschaft bot. Kluge, kundige Berufungspolitik führte ebenso talentierte wie engagierte Physiker und Astronomen nach Heidelberg, die, in europäischen Wissenschaftszentren exzellent ausgebildet, an der hiesigen Universität ein gediegenes Forschungsumfeld, eine kollegiale, wenn auch elitäre Arbeitsatmosphäre und ausreichend akademische Freiheit vorfanden, um sich entfalten zu können. Liest man persönliche Schriftstücke großer Heidelberger Naturwissenschaftler, etwa die von Gustav Kirchhoff, Hermann von Helmholtz, Robert Bunsen, Johannes Jensen, Otto Haxel, um nur einige zu nennen, so fällt auf, daß alle von ihnen von einer Heidelberger Wissenschaftler - Gemeinschaft erzählen, die vor allem eines verband - die Begeisterung, wissenschaftliche Probleme Kollegen eigener und anderer Fachgebiete vorzutragen und sie in fruchtbarer Wechselwirkung lösen zu wollen.
Lag der Schlüssel zum Erfolg also im Wir - Gefühl? Die Geschichte der Physik läßt sich an der Heidelberger Universität bis ins 14. Jahrhundert zurückverfolgen. Physik war Bestandteil des Lehrkanons der sogenannten Artistenfakultät, an welcher sich Studierende auf das Hauptstudium in Theologie, Jurisprudenz oder Medizin vorbereiteten, somit also Grundlagenwissenschaft ohne selbständiges Berufsbild. Zum Lehrinhalt der Physik gehörten insbesondere die Schriften des Aristoteles, die im 13. Jahrhundert von Albertus Magnus im Kontext des christlichen Weltbildes rezipiert wurden. Gegenstand der aristotelischen Physik war die Lehre von den Grundprinzipien irdischer Bewegung; sie galten für qualitative und quantitative Zustandsänderungen in der Natur gleichermaßen.
Die erste Physikvorlesung (nach Aristotelischem Vorbild) in Heidelberg hielt im Jahre 1387 Heilmannus Wunnenberg, der zweite Rektor der Heidelberger Universität. Im Jahre 1531 begannen innerhalb der Artistenfakultät Diskussionen um die Kontinuität der Physiklehre, welche durch die Einrichtung eines separaten Physiklehrstuhles gesichert werden sollte. Gefördert durch eine Universitätsreform, an welcher auch Philipp Melanchthon beteiligt war, konnte im Jahre 1556 ein Physikordinariat festgeschrieben werden. Eine gewaltsame Unterbrechung der Physiklehre im besonderen und des Universitätslebens im allgemeinen erzwang der dreißigjährige Krieg. Nach Neugründung der Universität im Jahre 1662 wurde Inhaber des Lehrstuhles für Physik Johannes Leuneschloss. Leuneschloss, geprägt durch neueste Kenntnisse in der Baukunst, die er sich während seiner Reisen durch Holland und England erwarb, gelang die Loslösung von der aristotelischen, spekulativ ausgerichteten Physik, welche jedoch nach Übernahme der Universität durch die Jesuiten im Jahr 1697 wieder als offizielle Lehrmeinung in das Physikprogramm aufgenommen wurde. Jedoch etablierte sich die experimentelle Physik nach und nach auch an den Jesuitenuniversitäten, in Heidelberg unter der Herrschaft von Karl Theodor. Sichtbares Zeichen dafür war die Einrichtung eines Lehrstuhles für experimentelle und mathematische Physik, welcher 1752 mit dem Jesuiten Christian Mayer besetzt wurde. Mayer hatte dieses Lehramt bis 1774 aktiv inne und wandte sich in der Forschung insbesondere der Astronomie und Kartographie zu. Für seine Untersuchungen der Eigenbewegungen der Doppelsterne wählten ihn Wissenschaftliche Gesellschaften zu London, Philadelphia, Bologna, Mannheim und Göttingen zu ihrem Mitglied. Wissenschaftliche Reputation und seine Stellung als Hofastronom bei Karl Theodor reichten jedoch nicht aus um zu verhindern, daß ab 1784 experimentelle und mathematische Physik auf Betreiben der Philosophischen Fakultät der Universität Heidelberg als getrennte Lehrfächer behandelt wurden. Mathematisierte Teilgebiete der Physik wie Statik, Optik und Hydraulik, wurden danach zu Teilgebieten der Mathematik erklärt, die Physik selbst auf die Naturbeschreibung reduziert. Was jedoch das Ansehen der Physik in der Öffentlichkeit an der Schwelle vom 18. zum 19. Jahrhundert zunächst nicht minderte. Die nach den Jesuitenprofessoren C. Mayer, J. Schwab und J. Schmitt berufenen Inhaber des Physik-Lehrstuhles, Karl Wilhelm Gottlob Kastner und Jakob Friedrich Fries, vermittelten in ihren Physik-Vorlesungen dann auch schwerpunktmäßig chemische, mineralogische, metereologische und naturphilosophische Kenntnisse und folgten damit einen Trend, der insbesondere die Universitäten im Zeitalter der Romantik prägten. Kastner und Fries verfaßten beide Lehrbücher der Naturlehre, in welchen das Wissen ihrer Zeit in Kompendiumform zusammengefaßt ist. Mit der 1817 erfolgten Abtrennung des Lehrstuhles für Chemie vom Lehrstuhl für Physik sind Zeichen der Umorientierung gesetzt. Die Stofffülle, die mittlerweile unter dem Oberbegriff Physik - Wissenschaft von der gesamten Natur - angehäuft worden war, ließ sich unter dem Dach einer Wissenschaft schon längst nicht mehr systematisieren. Der methodischen und inhaltlichen Auffächerung der Naturwissenschaft in ihre Teilgebiete Physik, Chemie, Biologie, Mineralogie etc. spiegelte sich nun vehement in der Einrichtung von spezialisierten Lehrstühlen und Vorlesungsprogrammen wieder. Neue Akzente setzte in Heidelberg Phillipp von Jolly. Jolly, Sohn eines Industriellen, war während seines Physikstudiums im Berliner Laboratorium von Gustav Magnus und auch während seiner Lehrzeit in mechanischen- und Glasbläserwerkstätten von einer experimentellen Richtung in der Physik inspiriert worden, die er in Heidelberg vermißte. Er nutzte im Jahre 1846 die Verhandlungen in Vorfeld seiner Berufung zum Heidelberger Ordinarius für Physik auch, um im Badischen Kultusministerium zu klagen, daß es der Heidelberger Physik sowohl an einem Laboratorium als auch an wissenschaftlichen Instrumenten mangelte. Jolly initierte so den Neubau eines Hauses für Naturwissenschaften (Friedrichsbau), außerdem konnte er, teils privat, teils vom Ministerium finanziert, in Heidelberg erstmalig ein Physikpraktikum einrichten. Im Jahre 1854 wurde als Nachfolger Jollys ein Genie, Gustav Robert Kirchhoff, berufen. Kirchhoff war, als Student Franz Neumanns in Königsberg, exzellent in mathematischer Physik geschult, hatte aber auch bei Gustav Magnus in Berlin Erfahrungen in Experimentalphysik erworben. Mit der Lösung einer Preisausgabe zur elektrischen Leitfähigkeit einer Scheibe wies er sich als kreativer Physiker aus; die Schrift enthält u.a. die heute unter den Namen Kirchhoffsche Regeln bekannten Gesetze der Stromverzweigung.
Heidelberg bot Kirchhoff günstige Arbeitsbedingungen (eine an Naturwissenschaft interessierte Verwaltung im Ministerium und an der Universität sowie das höchste Gehalt unter den Naturwissenschaftlern!) - und ebenso inspirierende wie loyale Wissenschaftlerfreunde, Konstellationen, die 20 Jahre produktives Dasein fördern sollten.
In Heidelberg entdeckte Kirchhoff 1859 gemeinsam mit Robert Bunsen die Spektralanalyse, die später den Schlüssel zum Atombau lieferte, hier fand er die Unabhängigkeit von Emissions- und Absorptionsvermögen eines Stoffes von den Stoffeigenschaften, hier definierte er erstmals den ideal schwarzen Körper, hier fand er, daß sich elektrische Wellen in einem Draht mit Lichtgeschwindigkeit fortsetzen, hier analysierte er das Sonnenspektrum...
Sein Konzept der Physikvorlesungen prägte bis in die 20er Jahre des 20. Jahrhunderts die universitäre Physiklehre. Auch schlug er durch das 1869 gemeinsam mit dem Mathematiker Leo Königsberger gegründete Heidelberger Mathematisch - Physikalische Seminar einen neuen Weg interdisziplinärer Wissensvermittlung ein.
Als Kirchhoff 1875 nach Berlin berufen wurde, hatte sich bewahrheitet, was der Göttinger Physiker Wilhelm Weber in seinem Gutachten zur Befürwortung der Berufung Kirchhoffs nach Heidelberg euphorisch voraus sah, nämlich, daß Kirchhoff wegen seiner interdisziplinären Arbeitsweise Heidelberg in ein Zentrum der Naturwissenschaft verwandeln würde. In der Tat, Kirchhoff und seinen Freunden gelang dies und noch mehr, der Schritt von der Lehrprofessur zur Professur, die den Anspruch auf eine Verbindung von Lehre und Forschung im Humboldtschen Sinne erhob und erfüllte. Nachfolger Kirchhoffs auf dem Heidelberger Physiklehrstuhl wurde Georg Quincke. Quincke hatte das Ordinariat 32 Jahre inne; in seine Amtszeit fällt die 1890 durch einen Staatsministerialbeschluß herbeigeführte Abtrennung der Naturwissenschaftlich - Mathematischen von der Philosophischen Fakultät, welche institutionell den längst vollzogenen Bedeutungswandel von Naturwissenschaft und Mathematik im Kanon akademischer Lehrfächer unterstreicht.
Quincke, an welchem heute noch die Bezeichnung Quinckesches Rohr erinnert, erwarb sich insbesondere einen Namen als Entdecker der Diaphragmenströme, aber auch als überzeugender Hochschullehrer für Experimentalphysik. Zu den Hörern seiner Physikvorlesungen zählten auch Max Wolf und Phillip Lenard.
Max Wolf verdankt die Heidelberger Universität den Neubau der Badischen Landessternwarte auf dem Königsstuhl. 1898 eingeweiht, wurde sie Mittelpunkt zweier Institute, des schon vorhandenen astronomischen Instituts und des von Max Wolf geführten astrophysikalischen Instituts mit dem richtungsweisenden Schwerpunkt Astrophotographie, welches Max Wolf begründete. Philipp Lenard, welcher 1905 für seine Arbeiten über Kathodenstrahlung den Nobelpreis erhielt, entschied sich nach seiner Assistentenzeit bei Heinrich Hertz in Bonn und einer Professorenzeit in Kiel erneut für Heidelberg und kehrte im Jahre 1907 als Ordinarius für Physik und Nachfolger Quinckes in seine Promotionsstadt zurück. Seiner hohen Reputation als Physiker ist es auch zu verdanken, daß im Jahre 1912 ein separates Universitätsgebäude für die Physik errichtet wurde, das Physikalische Institut am Philosophenweg. Doch Lenards Wirken an der Heidelberger Naturwissenschaftlich - Mathematischen Fakultät gestaltete sich nicht sehr erfolgreich. Theoretischen Ansätzen, eben auch der Einsteinschen Relativitätstheorie, stand er sehr skeptisch gegenüber, ja lehnte sie mit zunehmenden Alter rigoros ab. Die antisemitische Grundhaltung überlagerte seinen Wissenschaftlerethos; jüdischen Kollegen verwehrte er nicht nur den fachlichen Respekt, sondern schloß sie auch physisch von Veranstaltungen aus. 1931 emeritiert, war Philipp Lenard maßgeblicher Erfinder der sogenannten deutschen Physik geworden. Zum Nachfolger Philipp Lenards wurde 1932 der Kernphysiker Walther Bothe, Schüler von Max Planck, Ernest Rutherford und Hans Geiger berufen. Von internationaler Physik geprägt, ertrug Walther Bothe die Konfrontation mit der sogenannten deutschen Physik nicht. 1934 wandte er sich vom Physikalischen Institut ab und übernahm dafür die Leitung der Abteilung Physik des Kaiser Wilhelm Institutes für Medizinische Forschung, das nach 1945 unter seiner Leitung die Keimzelle wissenschaftlichen Neubeginns werden sollte. Walther Bothes (ideologiefreie) Berufungspoliktik ist es zu verdanken, daß die Heidelberger Physik Mitte des Jahrhunderts Weltruhm wiedererlangte. Er engagierte Wolfgang Gentner, welcher als Stipendiat bei den Curies an der Sorbonne und als Gast bei Otto Hahn und Fritz Straßmann, den Entdeckern der Kernspaltung, die neuesten Ergebnisse der Kernphysik erfuhr und ab 1935 in Heidelberg zusammen mit ihnen am Kernphotoeffekt arbeitete. Gemeinsam mit Bothe baute Gentner auch das erste deutsche Zyklotron am damaligen Kaiser-Wilhelm Institut in Heidelberg, welches 1944 fertiggestellt wurde. Er berief aber auch, 1948 wieder mit der Leitung des Heidelberger Physikalischen Institutes betraut, Johannes Jensen, welcher mit dem Aufbau des Institutes für Theoretische Physik institutionell und mit der Theorie des Schalenmodells der Atomkerne inhaltlich Bleibendes schuf und im Jahre 1963, 9 Jahre nach Walther Bothe, mit dem Nobelpreis ausgezeichnet wurde. Auf Walther Bothes Engagement gingen auch die Berufungen des Atomphysikers Hans Kopfermann und des Kernphysikers Otto Haxel zurück. Damit waren personalpolitisch die Weichen gestellt für eine äußerst erfolgreiche Zusammenarbeit und für eine Gliederung der Heidelberger Physik in Teilbereiche der Theoretischen und Experimentellen Physik, die, institutionalisiert durch zusätzlich eingeworbene Professorenstellen, in eigenständigen Instituten weiterentwickelt wurden und werden. Die Fakultät für Physik und Astronomie der Universität Heidelberg ist selbst Kind dieser Auffächerung der Wissensgebiete; sie wurde im Jahre 1970 neben den Fakultäten für Mathematik, Chemie, Pharmazie, Geowissenschaften sowie Biologie aus der Naturwissenschaftlich - Mathematischen Gesamtfakultät etabliert. Heute vereint sie das Physikalische Institut, das Kirchhoff-Institut für Physik, das Institut für Umweltphysik, das Institut für Theoretische Physik sowie das Zentrum für Astronomie Heidelberg. Enge Verbindungen bestehen zu den benachbarten Max-Planck-Instituten und astronomischen wissenschaftlichen Einrichtungen und zu den Zentren der medizinisch-biologischen Forschung (ZMBH; DKFZ; EMBL). Gemeinsame Projekte in physikalische Forschung und physikalischer Lehre sowie die Belange effizienter Ressourcenverwaltung knüpfen gegenwärtig das Band zwischen den Instituten enger. Sichtbares Zeichen dieser Entwicklung ist die zur Jahrtausendwende vollzogene Gründung des Kirchhoff-Instituts für Physik aus der Zusammenlegung der Institute für Angewandte Physik und für Hochenergiephysik. Der Schlüssel zum Erfolg: das interdisziplinäre Miteinander? Rückblickend gesehen: wohl nicht allein. Inspirierend wirkte auch der Wille zum Konsens zugunsten der Wissenschaft, die Ein- und Unterordnung von Einzel- und Gruppeninteressen in die Dynamik der Naturwissenschaft, das Geführtsein von Sachintentionen.
 
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